• ISA IM TALK MIT CHEF DE PATISSERIE RADENKO VASILIĆ
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ISA IM TALK MIT CHEF DE PATISSERIE RADENKO VASILIĆ

Aktuell beschäftigt das Alpenresort Schwarz 280 Gastgeber aus insgesamt 20 Nationen. Unser Haus lebt von den Begegnungen. Wir sind bunt, wir sind aufgeschlossen und neugierig auf Menschen. Das Schöne sind oft jene Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Es sind Schätze, die zwischen den Zeilen ruhen. Gerade hinter den leisen Menschen verbergen sich oft berührende Schicksale. So möchte ich Euch dieses Mal von einem besonderen Leben berichten, jenes von Radenko Vasilić und seiner Familie. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus veränderte sich in Radenkos Heimat alles. Es kam zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien und seine Familie musste ihre Heimat hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen. 

Isa Mit Katharina Pirktl habe ich darüber gesprochen, dass es viele Gastgeber im Schwarz gibt, die schwierige Krisen gemeistert und durch ihren eigenen Willen ein gutes Leben führen können. Lieber Radenko, möchtest du uns erzählen woher du kommst und warum dich dein Weg ins Alpenresort Schwarz geführt hat?

Radenko Ich komme aus dem früheren Jugoslawien, dem heutigen Bosnien-Herzegowina. Bei uns ist 1992 Bürgerkrieg ausgebrochen. Unser Dorf war nicht direkt in Gefahr, doch ich habe gesehen, dass in unserem Land etwas Schreckliches passiert.

AUS NACHBARN WURDEN FEINDE 

Das war der Grund, warum ich nach Österreich gekommen bin. Meine Eltern waren bereits in Tirol, um zu arbeiten und mein Vater berichtete mir, dass man hier sicher ist und Arbeit findet. Zu der Zeit hatte ich schon meine Ehefrau Nena und ein Kind, meinen Sohn Miloš, der 1987 geboren wurde. Meine Frau wurde mit 18 Mutter, ich war damals 23. Ich hatte angefangen, für meine Familie ein Häuschen zu bauen. Mit dem Bürgerkrieg wurde auch das Geld knapp, so hatte ich den Vertrag bei meiner Firma gekündigt, um nach Österreich zu gehen. Die Situation des Krieges wurde immer schlimmer und schlimmer, so ging Nena mit unserem Sohn ein Jahr vor mir nach Österreich, da sie bei uns keinen Job finden konnte. Mein Vater und auch Nenas Vater waren bereits in Tirol. Sie waren eine große Stütze für uns.

Isa Ich kann mich noch gut an die Berichterstattung des Jugoslawienkrieges erinnern. Wie alt warst du, als du nach Tirol gekommen bist?

Radenko Ich war 27 Jahre alt, als ich hergekommen bin und im Hotel Schwarz zu arbeiten begonnen habe. Der Betrieb war damals natürlich viel kleiner als heute. Zum Beispiel gab es nur einen Hausmeister, einen Gärtner und einen Bauarbeiter. Die maximale Kapazität zu der Zeit waren ca. 160 – 180 Betten. Ich habe angefangen als "Mann für Alles". Ich war Hausmeister, Gärtner, Abwäscher, ich habe im Office geholfen und bin irgendwann in die Küche gekommen. Das hat mir Spaß gemacht und ich habe mich nach 2 – 3 Jahren im Schwarz dazu entschlossen, die Ausbildung zum Koch zu machen. Ich habe im Wifi einen Kurs für die Grundkenntnisse gemacht, dann habe ich unter dem damaligen Küchenchef Toni Scharmer meine Lehre begonnen. Dazu kamen weitere Ausbildungen und Kurse. Es war ja bereits mein zweiter Bildungsweg und ich brauchte auch die kaufmännische Grundausbildung. Meine Lehrabschlussprüfung habe ich geschafft und bin inzwischen schon ca. 19 Jahre in der Küche tätig.

Isa Welchen Beruf hattest du in deiner Heimat?

Radenko Ich hatte eine Wirtschaftsschule mit Schwerpunkt Buchhaltung und Rechnungswesen gemacht und war im Büro einer Bank angestellt. Dazu hatte ich noch eine Stelle in meiner kleinen Gemeinde. Man muss sich vorstellen, dass mein Dorf nicht so gut organisiert war, wie zum Beispiel Mieming. Dort gab es ein kleines Standesamt, wo ich etwa 5 Jahre lang gearbeitet habe.

Isa Das heißt, du hast Trauungen durchgeführt?

Radenko Ja, das stimmt. Ich war auch für das Geburten- und Sterberegister, auch für kleine Administrationsarbeiten und Statistiken der Gemeinde zuständig. Dann ist der Krieg ausgebrochen und alles hat sich geändert.

Isa Wie weit war der Krieg von deinem Heimatdorf entfernt?

Radenko Mein Dorf war zum Glück nicht betroffen, doch die nahe Umgebung. Viele Burschen aus meinem Dorf sind mobilisiert worden und mussten in den Krieg gehen. Viele wurden verletzt oder sind gestorben. Ich habe als junger Mann Militärdienst gemacht und wusste, was es heißt, daher habe ich mich anders entschieden.

"ICH WAR KEIN HELD."

Isa Das sehe ich anders. Es war eine schwierige Situation, du hattest eine Familie und hast alles dafür getan, um deiner Frau und deinem Sohn ein sicheres Leben zu bieten.

Radenko Der Krieg war sinnlos. Nationalismus ist unnötig. Europa wächst, wir müssen zusammenleben und verschiedene Religionen und Kulturen akzeptieren.

Isa Welche Religionsangehörigkeit habt ihr? 

Radenko Wir sind orthodoxe Christen.

FREMDSPRACHE TIROLERISCH

Isa Zurück zu deinen Anfängen in Tirol. Radenko, wie ist es dir mit unserer Sprache ergangen? Wie hast du Deutsch gelernt?

Radenko Am Anfang war es nicht so leicht, doch ich habe mich selbst bemüht, die Sprache zu beherrschen. Früher gab es Tonbänder, keine CDs. Ich habe alles mit Buch und Kassetten gelernt – Deutsch in 100 Lektionen. Ich hatte in der Schule die Fremdsprache Russisch, das hat mir hierfür nichts gebracht. In Tirol haben alle im Dialekt und sehr schnell gesprochen, das war etwas schwer. Ich habe mich verständlich gemacht, doch ich habe die Leute nicht verstanden. So war die erste Zeit, dann habe ich mich angepasst. Nach zwei Jahren war alles gut.

DIE FAMILIE WÄCHST

Isa Wie ging es weiter?

Radenko Ein Jahr nachdem ich nach Mieming gekommen bin, ist unser zweiter Sohn Branko im Jahr 1993 zur Welt gekommen. Alles nahm seinen Lauf, wir haben uns verwurzelt und haben nach vorne geschaut, da wir uns integrieren wollten und die Kinder in die Schule kamen. Später haben wir noch eine bezaubernde Tochter bekommen. Ihr Name ist Maja, sie ist sieben Jahre alt. Heute sind meine Söhne groß, haben eine gute Arbeit und Tiroler Freundinnen. Ich bin sogar schon Opa einer 4 Jährigen Enkeltochter.

Isa Hast du noch viele Familienmitglieder in Bosnien?

Radenko Ich habe einen älteren Bruder, der mit seiner Familie in der Schweiz lebt. Der jüngere Bruder lebt mit Frau und Kindern in Slowenien. Heute besuchen wir unser Dorf zwei bis drei Mal im Jahr und treffen uns dort. Einige wenige Freunde leben noch in Bosnien. Unsere Eltern sind bereits gestorben.

Isa Wie war es für dich, als du nach Tirol gekommen bist? Was waren deine Eindrücke von Land und Leute? Wie hast du deinen Anfang im Hotel Schwarz erlebt?

Radenko Mir ist gleich aufgefallen, dass Arbeit und Disziplin anders ist, als im Süden. Die Rolle eines Mitarbeiters hier ist eine ganz andere als in meiner früheren Heimat. In Österreich muss man fleißig sein und ich habe mich eingesetzt. Ich möchte auch erwähnen, dass die heutigen Seniorchefs Martha und Franz Pirktl mich von Anfang an respektvoll behandelt haben, sie haben immer alle Mitarbeiter geschätzt. Das hat mich sehr beeindruckt, auch der Lohn wurde rechtzeitig bezahlt und wir wurden gut verpflegt. Meine Frau Nena hatte ebenfalls sofort Arbeit im Schwarz bekommen. Sie ist im Service tätig.
Die staatliche Ordnung, die Einhaltung der Gesetze und die Behörden haben mir sehr gut gefallen. Ich habe mir damals gedacht: "So etwas braucht ein Land. So muss ein Land geführt werden."

Isa Wann hast du gemerkt, dass dich das Kochen interessiert?

Radenko Ich habe ein Inserat gelesen, welche Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt. Als Elektroniker oder Maurer war ich nicht geeignet, daher dachte ich, ich könnte es vielleicht als Kellner probieren, habe mich aber nach einem aufschlussreichen Gespräch mit einem Ober für die Kochausbildung entschieden.

"ICH BEREUE NICHTS."

Isa Seit wann bist du Patisserie Chef?

Radenko Früher war ich für die Vorspeisen und für die kalten Speisen zuständig. Ich habe oft Vertretung gemacht und habe viele Sachen angelernt bekommen. Wir hatten zwei gelernte Konditoren im Haus, die mir viel gezeigt haben. Seit Küchenchef Mario Walch da ist - etwa seit 13 Jahren - bin ich fix in der Patisserie. Es war eine schöne Abwechslung nach den Salaten und Vorspeisen. Man kann viele Kreationen zeigen, wenn man genug Zeit dafür hat. Ich mache alles alleine. Es ist viel Arbeit, doch ich habe das Gefühl, dass die Küchenführung und die Gäste mit mir zufrieden sind.

Isa Bestimmt freust du dich auch schon auf das neue Restaurant, das im Juli eröffnet wird?

Radenko Das wird sicher sehr schön, gut ausgestattet und übersichtlich. Alle Posten in der Küche haben einen eigenen Bereich. Die Produktion wird schneller gehen.

Isa Seit wie vielen Jahren arbeitest du insgesamt im Hotel?

Radenko Ich bin seit 26 Jahren da. Die Zeit vergeht einfach so schnell. Wir haben uns vor 9 Jahren in Mieming eine Wohnung gekauft und fühlen uns sehr wohl hier.

Isa Was wird in Bosnien gerne gegessen und was gefällt dir an der Österreichischen Küche?

Radenko Die Bosnische Küche ist sehr würzig mit vielen orientalischen Einflüssen. Es wird hauptsächlich Fleisch gegessen und viel Brot. Es gibt immer Brot dazu. Im Süden gibt es Fisch und Meeresfrüchte. An der Tiroler Küche schätze ich Semmel- und Serviettenknödel. Auch die fleischlosen Gerichte - wie Aufläufe - schmecken mir gut. Die Brot- und Käseauswahl heutzutage ist riesengroß. An Süßem bevorzuge ich die Klassiker – wie Apfel- und Topfenstrudel, Sachertorte, Käsesahne und Kaiserschmarrn. Die Österreichischen Klassiker kommen auch bei den Gästen besonders gut an.

Isa Danke, dass du uns von deinem Leben erzählt hast, lieber Radenko. Gibt es etwas, was du abschließend sagen möchtest?

Radenko Von Anfang an war ich im Betrieb so gut orientiert, dass ich alles schaffen konnte. Die Kinder in den Kindergarten bringen und wieder abholen, meine Frau Nena zur Arbeit bringen und wieder abholen. Ich hätte es mir nicht besser wünschen können und bin Familie Pirktl sehr dankbar. Einige meiner Freunde, die in einen anderen Beruf gewechselt haben, hatten mir von der Gastronomie abgeraten, doch ich bin geblieben. Wenn ich zurück schaue, was wir als Familie erreicht haben, dann bin ich zufrieden und glücklich. Ich habe genug Freizeit und wenn ich heute sehe, wie unser Betrieb gewachsen ist und ich zu jemanden sage, dass ich im Hotel Schwarz arbeite, kennen alle unser Haus und schätzen das. Das sind jene Momente, wo ich mich sehr freue. Oder auch bei unserer Weihnachtsfeier, wenn alle Mitarbeiter zusammenkommen. Man grüßt sich auf der Straße und hat Freunde, das ist schön.

Radenko ist sehr bescheiden. Es hat einige Anläufe gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass seine Erfahrungen und die Geschichte seiner Familie gehört und gelesen werden möchten. Doch es hat geklappt und ich blicke in Demut und Dankbarkeit auf unser Gespräch zurück.

Für die leisen Helden unserer Zeit
Eure Isabel